23I05I2026 - DE

76 Jahre Grundgesetz: Über ein Versprechen, das wir uns noch schulden.

Ein Diskussionsbeitrag von Lisa Sebold

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz als direkte Antwort auf die Verbrechen der NS-Diktatur, auf Auschwitz, auf die systematische Entrechtung von Millionen Menschen in Kraft. Sein erster Satz ist nur auf den ersten Blick banal: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Artikel 1 Absatz 1 ist bewusst nicht abwägbar formuliert, das Bundesverfassungsgericht hat ihn wiederholt als obersten Grundwert bezeichnet, der jeder staatlichen Abwägung entzogen ist.

Ein Satz, der Staat, Strukturen und Institutionen überragt und der dennoch täglich herausgefordert wird. Wir begehen diesen Jahrestag oft ritualisiert: mit offiziellen Reden, Plakaten, Social-Media-Posts. Wir verwalten das Grundgesetz wie ein Denkmal - etwas, das man besucht, bewundert und wieder verlässt. Dasselbe gilt für unsere Erinnerungskultur: Wir gedenken, wir inszenieren, wir applaudieren uns selbst. Aber Erinnern ohne Konsequenz ist kein Erinnern, sondern Selbstberuhigung. Auch heute feiern wir eher einen historischen Meilenstein, anstatt die politische Verantwortung ernst zu nehmen, die das Grundgesetzt doch jeder* von uns aufträgt: für Gleichberechtigung, Minderheitenschutz, freie Meinungsäußerung und ein aktives Eintreten für Demokratie.

Denn der Wert dieses Versprechens wird täglich auf die Probe gestellt. Der aktuelle Freedom House-Bericht (2026) verzeichnet das 20. Jahr in Folge einen globalen Rückgang demokratischer Freiheiten, heute leben nur noch 21% der Weltbevölkerung in als frei eingestuften Ländern, verglichen mit 46% vor zwei Jahrzehnten. Das V-Dem-Institut der Universität Göteborg kommt im Democracy Report 2026 zu einem noch düstereren Befund: Das globale Demokratieniveau ist auf den Stand von 1978 zurückgefallen. Erstmals übersteigt die Zahl der Autokratien die der Demokratien und 6 der 10 neu identifizierten autokratisierenden Länder liegen in Europa und Nordamerika.

Auch in Deutschland werden elementare Rechte vielfach verletzt, im Widerspruch zu internationalem Recht und den Menschenrechtskonventionen, die Deutschland offiziell anerkennt. Selbst universelle Prinzipien wie das Recht auf Asyl (Art. 16a GG) oder der Schutz von Zivilisten im Krieg werden missachtet. Wer das Grundgesetz ernst nehmen möchte, darf diese Missstände nicht ignorieren, muss Machtstrukturen sichtbar machen, Ungleichheit konkret benennen und sich gegen Ausgrenzung, Gewalt und Rechtsbruch stellen. Alles andere bleibt Symbolpolitik.

Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Praxis

Wer glaubt, Demokratie sei ein abgeschlossener Prozess, täuscht sich. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde hat früh darauf hingewiesen, dass der freiheitliche Staat von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht unbedingt garantieren kann: Werte, Haltungen, zivilgesellschaftliches Engagement. Die belgische Politiktheoretikerin Chantal Mouffe ergänzt das mit ihrem Konzept des agonistischen Pluralismus: Demokratie bräuchte nicht Konsens, sondern den zivilisierten Streit, das Aushalten von echtem Dissens, ohne den politischen Gegner zu delegitimieren. Demokratie ist eine Praxis: widersprüchlich, konfliktgeladen und unbequem.

Und das gilt für Erinnerungskultur genauso. Die Schlussstrich-Debatte ist kein historisches Phänomen, sie ist aktueller denn je. Laut einer Umfrage der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) von 2024 stimmte erstmals eine relative Mehrheit der Bevölkerung der Aussage zu, es sei „Zeit für einen Schlussstrich unter die Zeit des Nationalsozialismus". Das ist kein kultureller Generationenwechsel. Das ist ein politisches Warnsignal.

Was wir längst wissen, doch gekonnt in Deutschland ignorieren, ist: (antimulsimischer) Rassismus, Queerfeindlichkeit und so viele andere Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sind keine Einzelfälle. Sie sind strukturell. Die Mitte-Studie 2024/25 der Friedrich Ebert Stiftung, erschienen unter dem Titel „Die angespannte Mitte", zeigt: Zwar lehnen ¾ der Menschen in Deutschland rechtsextreme Einstellungen ab, doch gleichzeitig ist in der gesellschaftlichen Mitte eine Normalisierung antidemokratischer und menschenfeindlicher Aussagen zu beobachten, fast 20"% stimmen nationalchauvinistischen Aussagen zu. Der ECRI-Jahresbericht 2024 des Europarats belegt anhaltende strukturelle Diskriminierung gegen Roma, Menschen afrikanischer Herkunft, Jüdinnen und Juden, Muslime, Migrantinnen und Migranten sowie LGBTI-Personen, und stellt fest, dass demokratischer Rückbau diese Ungleichheiten regelmäßig verstärkt.

All das zeigt: Unsere Demokratie ist nicht stabil. Sie wird täglich getestet. Und das Grundgesetz? Es wirkt in all den Reden und Feierleichekiten doch zu oft wie eine heilige Phrase. Genauso wie unsere Gedenkstätten: wichtig, richtig, notwendig, aber nur dann wirkungsvoll, wenn das Erinnern in Lernen und Handeln mündet.

Der 23. Mai darf nicht zur Ersatzhandlung werden

Die Initiative „23. Mai: Das Grundgesetz feiern!" schafft wichtige Räume für zivilgesellschaftliches Engagement. Schulen, Vereine, Initiativen diskutieren, lesen, handeln. Das ist richtig. Politische Bildung lebt genau von solchen Momenten der öffentlichen Auseinandersetzung. Aber ein Aktionstag darf nicht die Illusion erzeugen, Demokratie schütze sich selbst. Aktionen und Proteste können gesellschaftliche Verantwortung sichtbar machen, ersetzen können sie sie jedoch nicht.

Die Black-Lives-Matter-Bewegung hat gezeigt, wie strukturelle Polizeigewalt durch jahrelange Community-Arbeit, Dokumentation und politischen Druck überhaupt erst in den öffentlichen Diskurs gebracht werden musste, lange bevor Parlamente reagierten. In Ungarn und Polen dokumentieren Organisationen wie das Helsinki Committee, wie zivilgesellschaftliche Strukturen systematisch geschwächt werden, sobald autoritäre Mehrheiten die institutionellen Hebel übernehmen. In Südafrika arbeitet Section27 daran, Verfassungsrechte nicht nur auf dem Papier, sondern durch strategische Klagewege im Alltag durchzusetzen, weil Verfassungen ohne zivilgesellschaftlichen Druck leere Versprechen bleiben.

Wer also feiern möchte, muss doch zunächst fragen, widersprechen und handeln. Menschenwürde ist kein dekoratives Prinzip für Broschüren. Sie verlangt ehrliche Arbeit, widersprüchliche Konflikte, solidarisches Engagement. Auch gegen institutionelle Bequemlichkeit. Die Philosophin Judith Butler sagt: Wer über Würde spricht, muss fragen, wessen Leben als schützenswert gilt und wessen nicht. Dahr gilt für uns: Wer das Grundgesetz ernst nimmt, muss die unbequemen Fragen stellen:

  • Warum werden Minderheiten nach wie vor strukturell ausgeschlossen, obwohl Art. 3 GG Diskriminierung ausdrücklich verbietet?

  • Warum bleibt der Schutz der Menschenwürde im Alltag eine politische Option, keine Selbstverständlichkeit?

  • Welche Machtverhältnisse verhindern, dass Demokratie für alle funktioniert, nicht nur für die Mehrheit?

Wir sehen das Grundgesetz als einen radikalen Text, weil es Macht in Frage stellt. Art. 20 GG verankert das Sozialstaatsprinzip und die Volkssouveränität, beides sind keine Optionen, sondern Verfassungsaufträge.

Yascha Mounk warnt: Demokratien scheitern selten durch Putsche, häufiger durch die schleichende Aushöhlung von Normen und Institutionen und das von innen.

Zu viele feiern das Grundgesetz heute als Schutzschild, das vermeintlich automatisch wirkt und ignorieren dabei die täglichen Verletzungen seiner Prinzipien: Menschenwürde, Gleichberechtigung, Teilhabe. Wer das tut, reduziert es auf eine Phrase, die in Reden glänzt, im Alltag aber für viele, für diejenigen, die ohnehin ausgegrenzt werden, hohl bleibt.

Demokratie entsteht dort, wo Menschen sich einmischen, widersprechen und solidarisch handeln: im Klassenzimmer, im Verein, im digitalen Raum, in der Nachbarschaft. Dort, wo Macht sichtbar wird. Dort, wo Ausgeschlossene gehört werden.

Demokratie wird nicht von oben verliehen, sondern von unten erkämpft und täglich gelebt, und auch unsere Erinnerung gehört dazu, aber tatsächlich als Antrieb, weniger als Abschluss.

Ein Aktionstag kann all das selbstverständlich anstoßen, was er aber nicht kann, ist ersetzen, was strukturell fehlt bzw. gerade siginifikant in Deutschland auf dem Spiel steht: politische Bildungsarbeit, institutionelle Umsetzung, gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein und Ressourcen für die zivilgesellschaftlichen Organisationen, die diese Arbeit täglich leisten.

Laut dem CIVICUS Monitor 2025 ist die Zivilgesellschaft in 122 von 198 untersuchten Ländern unter schwerem Druck, nur noch 7% der Weltbevölkerung leben in Ländern mit freiem zivilgesellschaftlichem Handlungsraum. Auch Deutschland wurde zuletzt herabgestuft. Wer das ignoriert, überlässt demokratische Praxis jenen, die sie schwächen wollen.

Was wir brauchen:

Weniger Zeremonie. Weniger bunte Schilder. Weniger Floskeln.

Erinnerung als Verpflichtung, nicht als Ritual.

Und solidarisches Miteinander, das von unbequemen Fragen getragen wird.

QUELLEN / LITERATUREMPFEHLUNGEN

Berichte + empirische Studien

Theoretische & wissenschaftliche Werke

Zivilgesellschaftliche Akteure & Bewegungen

Autorin Lisa Sebold

arbeitet und schreibt zu den Bereichen kritische politische Bildungsarbeit, transnationale Zivilgesellschaft und Machtkritik.

Sie ist Mitgründerin von STUDIOunbequem und der gemeinnützigen Organisation We Can Create Change I We3C Europe (we3c.org).